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Photo Don Luigi Giussani

Kurzbiographie von Luigi Giussani (Desio 15.10.1922 - Mailiand 22.02.2005)

Wie oft in Biographien von Gründern religiöser Orden oder Bewegungen findet sich auch im Leben Luigi Giussanis kein genauer Augenblick oder keine präzise Situation, in der ein Programm geschrieben beziehungsweise eine Entscheidung gefällt wird, etwas Neues in der Geschichte der Kirche zu schaffen. Auch wenn man versucht, in diesem oder jenem Umstand einen Ansatzpunkt für das zu finden, was in der Folge geschehen sollte, so stellt sich heraus, daß diese Begebenheiten eher beiläufig sind, insofern sie von einer Person gelebt werden, die in bestimmter, geheimnisvoller Weise schon für die Aufgabe vorbereitet ist, die ihr vom Heiligen Geist anvertraut wurde.

Auch die Summe dessen, was Don Giussani im Elternhaus, im Seminar oder in den verschiedenen Lebenssituationen erfahren hat, kann nicht hinreichend begründen, weshalb aus seiner Person eine Bewegung hervorgegangen ist. Die Gabe des Geistes oder das Charisma führte in diesem Sinne einen Wert ein, der auch die zufälligen Umstände, in denen die Persönlichkeit und das Temperament des Gründers einer Bewegung wie CL gebildet wurde, bereicherte und verwandelte.

»Ich fühle mich nicht als Gründer« - hat Giussani geschrieben und oft wiederholt. »Mein ganzes Leben habe ich nur versucht, den katholischen Glauben, der mir von meiner Mutter und von meinen Lehrern im Seminar mitgeteilt worden ist, zu leben.«

Luigi Giussani ist 1922 im lombardischen Dorf Desio bei Mailand geboren. Seine Mutter Angela führte ihn in den Glauben ein, während sein Vater Beniamino, der aus einer Künstlerfamilie stammte und Holzschnitzer und Restaurateur war, den kleinen Jungen beständig anhielt, sich nach dem Warum, nach dem Grund der Dinge zu fragen. Giussani hat oft einige Begebenheiten aus dem Familienleben erwähnt. Daraus wird deutlich, daß in der Familie ein Klima herrschte, in dem die Person zutiefst geachtet und aktiv dazu erzogen wurde, die wahren Dimensionen des Herzens und der Vernunft wachzuhalten. So berichtet er zum Beispiel die Episode, als er, noch ein Kind, mit seiner Mutter in der Morgendämmerung zur Frühmesse ging und diese beim Anblick des letzten Sterns, der in der zunehmenden Helligkeit des Himmels aufstrahlte, ausrief: »Wie schön ist die Welt, und wie groß ist Gott!«; oder von der Liebe seines Vaters zur Musik. Er, der sich als anarchistischer Sozialist verstand, versuchte nicht nur, schwierige Augenblicke in der Familie durch den Gesang berühmter italienischer Arien zu entschärfen, sondern lud auch ungeachtet der bescheidenen wirtschaftlichen Lage Sonntag nachmittags einige Musiker ein, um sich klassische Musikstücke anzuhören.

Giussani trat schon in sehr jungen Jahren in das kleine Seminar der Erzdiözese Mailand ein. Später setzte er seine Studien an der theologischen Fakultät von Venegono bei Dozenten wie Gaetano Corti, Giovanni Colombo, Carlo Colombo und Carlo Figini fort. Venegono sollte für Giussani aber nicht nur wegen der kulturellen Bildung und der menschlichen Beziehungen zu einigen Lehrern prägend sein. Das Priesterseminar wurde für Don Giussani auch bedeutend, weil er dort eine lebendige Weggemeinschaft mit einigen "Kollegen" wie Enrico Manfredini, dem späteren Erzbischof von Bologna, in der gemeinsamen Entdeckung des Wertes der Berufung erfuhr - ein Wert, der stets mit Blick auf die Welt und für die Welt verstanden wurde.

Es waren Jahre intensiven Studiums. Hierzu gehörte auch die Lektüre des italienischen Dichters Giacomo Leopardi. Mit einigen seiner Dichtungen, so erzählte Giussani später, pflegte er bisweilen die Meditation nach der Eucharistie zu begleiten. In jenen Jahren verstärkte sich seine Überzeugung, daß der Höhepunkt jedes menschlichen Genius die - zum Teil auch unbewußte - Prophetie des Ereignisses Christi sei. So geschah es, daß er den Hymnus Alla sua Donna (An die Geliebte) von Leopardi als eine Art Einführung zum Prolog des Johannesevangeliums las und in Beethoven und Donizetti äußerst lebendige Ausdrucksweisen für den religiösen Sinn des Menschen wahrnahm.

Von da an wurde der Hinweis darauf, daß das Wahre aus der Schönheit erkannt wird, in der es sich mitteilt, zu einem festen Bestandteil der erzieherischen Methode der Bewegung. So wurde und wird der Ästhetik - verstanden im tiefsten, thomistischen Sinn des Wortes - bei CL gegenüber dem Anspruch der Ethik stets ein Vorrang zugesprochen. Seit jenen Jahren im Seminar und des Studiums erkannte Giussani, daß ästhetischer und ethischer Sinn gemeinsam aus einer korrekten und leidenschaftlichen Klarheit in bezug auf die Ontologie entstehen, und daß ein lebendiger ästhetischer Geschmack ein erstes Anzeichen dafür ist - wie die katholische und orthodoxe Tradition zeigen.

Die Einhaltung der Disziplin und der Ordnung im Seminarleben sollte sich mit der Kraft eines Temperamentes verbinden, das sich im Gespräch mit den Oberen und in den Initiativen mit den Kameraden durch Lebendigkeit und Scharfsinn auszeichnete. So gründete Giussani etwa gemeinsam mit einigen Kommilitonen eine Art Hauszeitschrift mit dem Titel Studium Christi. Sie wurde zum Mitteilungsblatt einer Studiengruppe, die das Anliegen hatte, die zentrale Bedeutung Christi für das Verständnis jedes Wissensbereichs zu entdecken.

Nach der Priesterweihe widmete sich Giussani dem Unterricht am Seminar von Venegono. Dabei spezialisierte er sich auf das Studium der östlichen, insbesondere der slawophilen, sowie der protestantischen amerikanischen Theologie und vertiefte die Frage der vernünftigen Begründung einer Zustimmung zum Glauben und zur Kirche.

Mitte der 50er Jahre gab er den Unterricht im Seminar auf, um im Gymnasium zu unterrichten. Zehn Jahre lang, von 1954 bis 1964, lehrte er am altsprachlichen Berchet-Gymnasium in Mailand. Gleichzeitig bemühte er sich sowohl im Studium wie in seinen publizistischen Aktivitäten darum, die Aufmerksamkeit innerhalb und außerhalb der Kirche auf die Frage der Erziehung zu lenken. Für die italienische Katholische Enzyklopädie verfaßte er damals unter anderem das Stichwort "Erziehung".

In jener Zeit entstand auch die studentische Jugendgruppe "Gioventù Studentesca" (GS - aus der später CL entstand), an deren Leitung sich Giussani direkt beteiligte.

1964 übernahm er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1990 den Lehrstuhl für Einführung in die Theologie an der katholischen Herz-Jesu-Universität von Mailand. Bei mehreren Studienaufenthalten in den Vereinigten Staaten vertiefte er seine Kenntnisse der protestantischen amerikanischen Theologie.

Giussani leitete bis zu seinem Tod die Bewegung Comunione e Liberazione als Vorsitzender des Leitungsrats (auch "Centro", Zentrum, genannt). Darüber hinaus stand er der "Zentralen Diakonie", dem Leitungsgremium der Fraternität von Comunione e Liberazione, vor. Diese Vereinigung wurde 1982 vom Päpstlichen Rat für die Laien offiziell anerkannt. Diese Aufgaben wurden dann von seinem Nachfolger, Julían Carrón, übernommen.

Schließlich beseelte und leitete er die Vereinigung der Memores Domini; auch diese Laienvereinigung wurde vom Päpstlichen Laienrat anerkannt, und zwar im Jahre 1988. Ihr gehören Personen von CL an, die sich für eine Hingabe an Gott nach den evangelischen Räten entschieden haben. Außerdem war Giussani beratendes Mitglied der Kongregation für den Klerus und des Päpstlichen Rates für die Laien. 1983 ernannte Johannes Paul II. Giussani zum Monsignore und erhob ihn zum Ehrenprälaten Seiner Heiligkeit.

1995 wurde Giussani mit dem Internationalen Preis für die Katholische Kultur ausgezeichnet.

Giussani hat zahlreiche Bücher verfaßt, die inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Er starb am 22 Februar 2005 in Mailand. Am 24. Februar fand im Dom zu Mailand die Trauerfeier statt. Hauptzelebrant war Kardinal Joseph Ratzinger, der von Papst Johannes Paul II. persönlich dazu beauftragt wurde.

Don Giussanis Grab befindet sich im "Famedio" des Friedhof Monumentale in Mailand. Die Reihe der Leute, die zu seinem Grab pilgern, ist bisher ununterbrochen.


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